Engelbert Wrobel Interview

Engelbert Wrobel Interview

Engelbert Wrobel verfolge ich seit vielen Jahren, bin nämlich selber ein großer Fan von Swingmusik und Benny Goodman. Leider hatte ich noch nicht die Möglichkeit, Engelbert Wrobel live zu sehen, heuer in Ascona hätte es fast so weit sein können. Doch leider ist es aus bekannten Gründen ausgefallen.

 

Engelbert Wrobel wurde am 19. November 1959 in Dormagen geboren. Schon von frühester Kindheit an lernte er Klarinette und später Tenor-, Alt- und Sopransaxofon. Erste Bekanntheit erlangte er in Rod Mason‘s Hot Five im Jahr 1986. Seit 1989 leitet er mit Swing Society seine eigene Band. Engelbert Wrobel ist regelmäßig mit nationalen, europäischen Jazzstars in ganz Europa unterwegs. Mehr Infos findet ihr hier zu Engelbert Wrobel:

 

https://engelbertwrobel.de/.

 

In meinem Interview, welches ich im Mai 2021 geführt habe, unterhielt ich mich mit ihm über seine Karriere und aktuelle CD-Produktionen.

Jazzreporter: Wie kamen Sie zur Swingmusik?

 

Engelbert Wrobel: Ich bin in einer musikalischen Familie (aber ohne Jazz) aufgewachsen und habe im Alter von 10 Jahren in einer Blaskapelle mit dem Klarinettenspiel begonnen. Im Alter von ca. 13 oder 14 Jahren hörte ich zum ersten Mal Dixieland-Musik. Besonders hatten es mir die „Dutch Swing College Band“ und „Chris Barber’s Jazz and Bluesband“ angetan, die jeweils sehr gute Holzbläser in ihren Reihen hatten (Peter Schilperoort, Bob Kaper in der DSC sowie John Crocker bei Ch.B.). Es war damals für mich sehr schwierig, an LPs zu kommen, und ich hatte auch niemanden, der mir zeigen konnte, was es alles aus den USA gab. Jedenfalls bekam ich ein oder zwei Jahre später eine LP von Benny Goodman, dessen Spiel mich sofort in seinen Bann zog. Ich gründete im Alter von 16 Jahren mit einigen Schulfreunden meine erste Band, die „Happy Jazzmen“, mit der wir 2 Jahre später den Wettbewerb „Jugend jazzt“ in NRW gewannen. Einige Jahre später fasste ich in der Kölner Oldtimer-Szene Fuß und lernte viele Musiker kennen. Darunter waren 2 Trompeter, die mich mit amerikanischer Jazzmusik „fütterten“. Zum einen Henning Paur, der sich sehr mit der New-Orleans-Musik des frühen 20. Jahrhunderts auskannte und beschäftigte (Jelly Roll Morton mit seinen verschiedenen Bands, Louis Armstrong’s Hot Five und Hot Seven, New Orleans Wanderers usw.), und Reiner „Semmel“ Brothuhn, ein ausgesprochener Swingkenner. Besonders Semmel versorgte mich jahrelang mit unzähligen Aufnahmen, die mich dann mit dem Swing der 1920er bis 40er Jahre infizierten.

 

JP: Wollten Sie schon immer Profimusiker werden?

 

EW: Ich habe schon als kleiner Junge gerne Musik gemacht, sei es als Dreijähriger, der im vom Vater geleiteten Schulchor mitsang, ein Orff-Instrument bediente oder die Blockflöte spielte. Mit 6 Jahren kam das Klavier dazu. Wie schon erwähnt, mit 10 Jahren die Klarinette und mit 14 das Saxofon. Mit 16 Jahren wusste ich, dass ich Musiker werden wollte.

 

JP: Welche Swingplatten haben Sie in Ihrer Jugend gehört?

 

EW: In meiner frühen Jugend habe ich hauptsächlich Dixieland-Musik gehört, und meine eine Benny-Goodman-LP, zu der dann noch einige Cassetten kamen. Später, als ich Zugang hatte, kaufte ich mir alles, was ich bekommen konnte: Neben BG Louis Armstrong All Stars, Barney Bigard (natürlich mit Duke Ellington), Arnett Cobb, Ben Webster, Coleman Hawkins, Lester Young, Benny Carter, Roy Edridge, Count Basie, und, und, und … Ich war sehr oft Gast in der damals legendären Jazzabteilung des SATURN in Köln.

 

JP: Haben Sie ein spezielles Vorbild für Ihr Klarinetten- und Saxophonspiel?

 

EW: Mein Haupteinfluss auf der Klarinette ist zweifelsohne Benny Goodman. Ich habe mich aber auch eine Zeit lang sehr intensiv mit Johnny Dodds und Barney Bigard beschäftigt. Auf dem Tenor gibt es auch mehrere Vorbilder, deren Spiel mich immer fasziniert hat. Als Haupteinflüsse möchte ich Ben Webster, Arnett Cobb und Lester Young nennen. Ich habe aber auch sehr viel die anderen großen Saxofonisten gehört.

 

 JP: Wie haben Sie Hazy Osterwald kennen gelernt?

 

EW: Wie so oft im Leben hat der Zufall geholfen. Im Jahr 1997 war ich mit meiner „Swing Society“ auf der „Jazz Cruise“ engagiert, die damals regelmäßig auf europäischen Meeren stattfand. Hazy Osterwald war als Vibrafon-Solist eingeladen. Direkt zu unserem ersten Konzert war er uns als Gastsolist „zugeteilt“ worden. Ich muss zugeben, dass ich zu dieser Zeit noch nicht wusste, was für ein Kaliber von Jazzmusiker er war. Wir begannen zu spielen, und Hazy hat der Band sofort durch sein Spiel einen Stempel aufgedrückt, dem sich niemand entziehen konnte. Ich erinnere mich, wie ich sofort eine Gänsehaut bekam, denn er spielte und phrasierte so, wie ich es von meinen geliebten Swingplatten kannte. Er war ja, was sein Alter betraf, ein „originaler“ Swingmusiker. Allein durch sein Spiel hob er die Band auf ein anderes Niveau und riss uns alle mit. Wir haben auf dem Schiff dann die ganze Woche viele Konzerte zusammen bestritten, und es war uns allen klar, dass wir weiter zusammenarbeiten wollten. Daraus entstanden eine sehr tief empfundene Freundschaft, 7 tolle Konzert-Jahre sowie 2 gemeinsame CDs. Den Höhepunkt bildeten 2 ausgedehnte Tourneen durch die großen Hallen in Europa anlässlich seines 80. Geburtstages, in deren Rahmen ich sogar seine großen Hits wie z.B. „Kriminal Tango“ oder „Konjunktur Cha Cha“ mit ihm singen durfte.

 

JP: Wie kam es zur Gründung Ihrer Band „Hot Jazz Quartett“?

 

EW: Mein Hauptgrund für diese Band war, mit dem US-Trompeter Duke Heitger zu spielen, den ich beim Festival „JazzAscona“ in der Schweiz kennenlernte, wo er mit einer amerikanischen Band unter anderem zusammen mit Arvell Shaw (ehem. Bassist der Louis Armstrong All Stars) sowie dem jahrelangen Schlagzeuger von Fats Domino, Ernest Elly, auftrat. Auf Anhieb verstanden wir uns sowohl persönlich als auch musikalisch. Es gab auf dem Festival eine allabendliche Jam-Session, zu der wir uns regelmäßig trafen. Ein oder 2 Jahre später gingen wir das erste Mal zusammen auf Tournee. Zu Beginn spielten wir mit verschiedenen Pianisten wie Chris Hopkins oder Bernd Lhotzy, bis ich im japanischen Kobe auf den Mailänder Pianisten Paolo Alderighi traf, dessen Spiel mich sofort ansprach. Genau wie mit Duke verstanden wir uns auch menschlich sofort. Nach einigen Jahren mit Oliver Mewes wurde Bernard Flegar der Schlagzeuger der Gruppe. Als er für eine Tournee nicht verfügbar war, übernahm der Australier Anthony Howe.

© Brian Wittmann , Osnabrück // Engelbert Wrobel/2020
© Brian Wittmann , Osnabrück // Engelbert Wrobel/2020

JP : Sie haben die Live-Aufnahme „Celebrating 100 Years of Recorded Jazz“ im Jahr 2017 veröffentlicht. Was gefällt Ihnen besonders an der Aufnahme? Man könnte sicher viele CDs zu dem Thema machen.

 

EW: Wir wollten das 100jährige Jubiläum „Jazz auf Schallplatte“ mit einigen Titeln der „Original Dixieland Jazz Band“ feiern, die mit „Livery Stable Blues“ am 26.02.1917 die erste Jazz-Schellackplatte veröffentlichte. Bei den anderen Stücken dieser Band, die wir für das Projekt durch neue Arrangements in ein moderneres Gewand gekleidet haben, handelt es sich um sehr selten bzw. fast nie gespielte Kompositionen. Es war uns außerdem ein Anliegen, einige sehr wichtige Vertreter der Jazzhistorie zu würdigen und gleichzeitig unsere hervorragenden Solisten herauszustellen. Natürlich könnte man unzählige CDs zu diesem Thema machen, und jede würde von den Vorlieben desjenigen geprägt sein, der sie herausbringt. Diese Aufnahme spiegelt unsere persönliche Sichtweise auf die Geschichte des klassischen Jazz wider.

 

JP: Mit dieser Band nehmen Sie überwiegend traditionelle Jazzstücke der 30er und 40 Jahre auf. Was begeistert Sie an dieser Musik?

 

EW: Für mich ist diese Art des Jazz die ansprechendste, und sie war, als sie entstand, DIE Musik der Jugend. Sie hat alles, was gute Musik benötigt: Rhythmus, schöne Melodien, sie verbreitet alle Arten von Gefühlen und wurde außerdem von sehr guten Musikern gespielt.

 

JP: Im Jahr 1999 nahmen Sie die Platte „Hello Frank“ auf, ein Tribut an Frank Sinatra. Bill Rogers war der Conductor, der auch mit Sinatra zusammengearbeitet hat. Wie kam es zu dieser Produktion?

 

EW: Diese Frage könnte am besten der Bandleader des „King of Swing Orchestra“, Peter Fleischhauer, beantworten. Ich bin in dieser Big Band „nur“ der Klarinettensolist und kümmere mich nicht so sehr um das Programm. Aber es hat große Freude gemacht, diese Titel aufzunehmen und Bill Rogers und seine Arbeitsweise kennen zu lernen.

 

JP: Was schätzen Sie besonders an Frank Sinatra?

 

EW: Er hatte eine unglaubliche, unnachahmliche Stimme, und seine Interpretationen eines jeden Liedes sind sehr persönlich und bis auf das letzte „i-Tüpfelchen“ perfekt dargeboten. Er gilt zu Recht als einer der größten Sänger des 20. Jahrhunderts.

 

JP: Hat Europa eine vielfältige traditionelle europäische Jazzszene?

 

EW: Ich kenne etliche sehr gute Musiker aus den verschiedensten europäischen Ländern. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass der traditionelle Jazz in Europa sehr vielfältig ist. Es betreten auch immer wieder junge, sehr talentierte Musiker die Bühne und halten diese Art des Jazz am Leben.

 

JP: Was sind die größten Herausforderungen, die Sie als Musiker haben?

 

EW: Die größte Herausforderung ist natürlich, dass man so gut wie möglich sein Instrument beherrschen möchte. Man muss immer an sich arbeiten und sich neuen Herausforderungen stellen, um seine Fähigkeiten zu verbessern. Man möchte auch ständig sein Repertoire erweitern. Je besser man aber über die Jahre wird, umso mehr erkennt man, was man noch gerne erreichen möchte/könnte und was noch nicht geht. Eine andere sehr große Herausforderung ist die Vermarktung, welche die allermeisten Jazzmusiker selber übernehmen. Diese Arbeit ist sehr zeitaufwändig und kostet viel Energie. Der Lohn sind dann schöne Konzerte und Tourneen.

 

JP: Wie ist Ihre Meinung zu dem großen Angebot von Streaming-Konzerten?

 

EW: Ich bin natürlich mit einer Vielzahl von Clips bei YouTube vertreten, habe aber selbst seit Beginn der Corona-Pandemie nur bei 2 Konzerten mitgewirkt, die gestreamt wurden. Ich kann das Ganze schlecht einschätzen, und es gibt sicherlich Argumente dafür und dagegen. Grundsätzlich gehören in ein Konzert Zuschauer vor Ort, aber durch das Streamen geht wenigstens in gewisser Weise eine Art „Konzertbetrieb“ weiter.

 

JP: Sind weitere CD-Produktionen in Planung?

 

EW: Wir möchten im Dezember dieses Jahres, falls es die Umstände erlauben, mit der internationalen Band „Swingin‘ Ladies plus 2“ mit Stephanie Trick (USA) und Paolo Alderighi (I), vierhändig an einem Flügel, sowie der Bassistin und Sängerin Nicki Parrott (AUS) unsere dritte CD aufnehmen. Dies hätte schon im März des letzten Jahres im Rahmen unserer Tournee passieren sollen, musste dann aber Corona bedingt verschoben werden.

 

JP: Vielen Dank für das Interview!

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