Wolfgang Lackerschmid Interview

Wolfgang Lackerschmid Interview

Vor einigen Monaten kaufte ich die LP „Wolfgang Lackerschmid & The Brazilian Trio: Studio Konzert“ und war sehr angetan von der Musik, die nur vor Ideenreichtum sprühte. Leider habe ich Wolfgang Lackerschmid mehrmals im Bix und auch in der Unterfahrt verpasst.

Wolfgang Lackerschmid wurde 1956 am Tegernsee geboren. Er ist seit den siebziger Jahren als Vibraphonist tätig. Er spielte auf über 100 Tonträgern mit vielen Jazzlegenden wie Chet Baker, Atilla Zoller, Lee Konitz oder Albert Mangelsdorff. Er ist ein national und international gefragter Musiker. In den 70ern studierte er an der Musikhochschule in Stuttgart.

 Neben seiner Tätigkeit als Jazzmusiker komponierte er auch für Theater, u.a. in Augsburg, Ingolstadt, Osnabrück. Außerdem schrieb er auch Kinder- und Kunstlieder. Wolfgang Lackerschmid ist Vorstandsmitglied in der Deutschen Jazzunion.

 

Weitere Infos zu Wolfgang Lackerschmid findet ihr hier:

 

http://www.lackerschmid.de/.

 

Ich hatte die Gelegenheit, Wolfgang Lackerschmid ein paar Fragen zu seinem Werdegang und jazzpolitische Fragen zu stellen.

Jazzreporter: Warum sind Sie Musiker geworden?

 

Wolfgang Lackerschmid: Musik war von klein auf meine Leidenschaft, ich habe schon als Kind stundenlang am Klavier gesessen. Als Beruf wählte ich entsprechend das, was ich am liebsten machte und womit ich schon immer die meiste Zeit verbracht hatte. 

 

 

JP: Wie sind Sie zum Vibraphon gekommen?

 

WL: Als Schüler spielte ich bereits Gitarre und Piano in verschiedenen Bands, als mit Abstand Jüngster auch in Rockbands.Weil ich noch bei meinen Eltern wohnte, konnte ich meine Gagen für Musikinstrumente verwenden. Da ich immer viel komponierte, hatte ich vor, Komposition zu studieren. Entsprechend setzte ich mich auch mit allen m hen Instrumenten auseinander und kaufte spontan ein gebrauchtes Vibraphon, das zufällig in Ulm angeboten wurde. Nachdem ich mich mit dem Instrument befasst hatte, brachte ich es zunächst als besonderen Effekt mit zu meinen Auftritten.Andere Musiker hörten mich so an dem Vibraphon und engagierten mich als Vibraphonist.So hat es sich mit der Zeit etabliert, dass ich fast nur noch mit Vibraphon auftrat. Es gefällt mir natürlich auch besonders.

 

JP: Was gefällt Ihnen am Jazz besonders?

 

WL: Dass ich improvisieren, quasi auch spontan komponieren kann. Dabei kommt es natürlich darauf an, dass die Mitmusiker auf derselben Wellenlänge sind und man aufeinander eingehen kann. Bei meinen Tourneen sind dieselben Stücke nie gleich, sie entwickeln sich bei jedem Auftritt weiter, jeder trägt etwas dazu bei.

Natürlich komponiere ich für meine Jazzformationen anders als für klassische Ensembles. Statt alles zu notieren und detailliert festzulegen, bringe ich Themen, die zur Improvisation inspirieren.

 

JP: Wie war es für Sie, in den 70er Jahren in Stuttgart zu studieren?

 

WL: Studiert habe ich an der Musikhochschule in Stuttgart klassisch, damals gab es kein Jazzstudium.

 Parallel zum Kompositionsstudium hatte ich als zweites Hauptfachstudium noch Künstlerische Ausbildung am Schlagwerk dazu genommen, das half mir, auch beim Vibraphon meine Technik auszubauen.

 

JP: Wie kam Ihre erste LP „Mallet Connection“ zu Stande?

 

WL:Nachdem ich 1975 als Mitglied der Dieter Bihlmaier Selection bei einer LP-Aufnahme das Tonstudio Zuckerfabrik kennengelernt hatte, hatte ich natürlich Lust, auch meine eigene Band aufzunehmen. Als wegen eines Konzerts alle Musiker gerade in Stuttgart waren (Janusz Stefanski lebte damals noch in Polen), sind wir am nächsten Tag ins Studio gegangen. 

 

JP: Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit dem Jazzkritiker Berendt erinnern? 

 

WL: Joachim Ernst Berendt gefiel wohl meine „Mallet Connection“-LP. Er war ein Motor für den Jazz, der immer wieder Ideen für besondere Produktionen hatte. So kamen dann nach „Flute Summit“, „Violin Summit“, „Alto Summit" 1978 die „Vibraphon Summit“ zustande, bei der ich als Jüngster die Ehre hatte, dabei zu sein. Die anderen Vibraphonisten waren David Friedman, Karl Berger und Tom van der Geld. Im Laufe der Jahre gab es immer wieder solche Summits. Dadurch hatte ich die Freude, mit den großen Repräsentanten dieses Instruments zu spielen, wie Milt Jackson, Bobby Hutcherson, Dave Samuels, Mike Mainieri, Dave Pike.

 

 

JP: Im Jahr 1979 erschien die LP „Ballads for Two“ mit dem großen Chet Baker. Wie wurde Chet Baker auf Sie aufmerksam?

 

WL: Wir lernten uns bei einem Festival kennen, hatten gleich einen guten Draht zueinander und kamen danach beim gemeinsamen Abendessen ins Gespräch über das Duo, das ich gemeinsam mit Herbert Joos hatte. Chet sagte: „I wanna do that“. Erst als seine Agentin ein paar Tage später bei mir anrief, um einen Aufnahmetermin abzustimmen, wurde mir klar, dass er es ernst meinte.

 

JP: Was war die Atmosphäre während der zweitätigen Aufnahmesession?

 

WL: Sehr inspiriert. Wir waren beide neugierig, was passieren wird. Ein paar Stücke hatte ich vorbereitet, teils extra dafür komponiert, einige entstanden im Studio.

 

JP: Gab es weitere Auftritte mit Chet Baker? Waren Sie eng mit ihm befreundet?

 

WL: Wir spielten mit Unterbrechungen zwischen 1979 und 1987 bei mehreren Tourneen und Aufnahmen im Duo und mit diversen Formationen miteinander. Wir waren befreundet und hatten auch Kontakt, wenn wir nicht zusammen spielten.

JP: Wie kam es zur Gründung Ihres Brazilian Trios?

 

WL: Das ist ein Missverständnis. Das „Brazilian Trio“ ist eine feste Formation von Duduka da Fonseca mit Helio Alves und Nilson Matta.Die Kollegen lernte ich Anfang der 90er in den USA kennen, wo wir auch in verschiedenen Besetzungen auftraten.

 Nach einem gemeinsamen Auftritt 2014 in Augsburg gingen wir in mein Studio und nahmen die CD „Samba Gostoso“ auf, wodurch sich die Zusammenarbeit durch Folgetourneen manifestierte.

 

JP: Sie haben eine LP „Studio Konzert“ mit dem Brazilian Trio aufgenommen. Was war das besondere für Sie an diesem Konzert?

 

WL: Im Bauer Studio hatte ich in den Siebziger Jahren viele Tage, insgesamt Wochen verbracht. Es war eine Freude, dorthin zu einer Live-Aufnahme mit Publikum im großen Aufnahmeraum zu kommen. Wir waren mitten in einer Tournee und spielten einfach ein Live-Konzert, das dann genau so direkt auf analoges Stereoband aufgenommen wurde. Neben der edlen Vinyl-LP gibt es auch ein paar Titel als spezielle Kopfhörermixe bei Download- und Streaming-Portalen.

 

JP: Sie arbeiten oft mit Stefanie Schlesinger – was gefällt Ihnen an ihr besonders?

 

WL: Sie hat eine wunderschöne Stimme und ist vor allem auch eine hochkarätige Musikerin. Auch ihre Art, den Text musikalisch intensiv zu vermitteln, beeindruckt mich immer wieder. Das ist besonders wichtig bei meinen Lyrikvertonungen wie z.B. von Bertolt Brecht. Sie ist aber auch eine geniale Komponistin. Bei zahlreichen gemeinsamen Produktionen hat sie rund die Hälfte der Titel geschrieben.

 Besonders hervorzuheben sind da die Vertonungen der Gedichte des Malers Markus Lüpertz (CD und LP „Herzschmerz“ bei HGBS), verschiedene Musicletts wie das über Mozarts Bäsle (Hörspiel: „Mein Violoncellchen“, Randvoll Records), aber auch die Lieder für Papilio und die Augsburger Puppenkiste (Paula und die Kistenkobolde: CD „Lieder aus dem Koboldland“, Randvoll Records).

 

JP: Wie sieht ein Alltag eines Jazzmusikers aus? Ist dieser ein Fernfahrer, der etwas Musik spielt?

 

WL: Natürlich bin ich viel und zum Glück auch nicht ungern unterwegs. Wegen der Instrumente auch meist selbst mit dem Auto.Meine Arbeit ist aber nicht nur das Auftreten und alles was drum herum dazu gehört, sondern auch das „Musik Erfinden“.Ich bin ständig am Komponieren und Produzieren, dazu gehören natürlich auch eine Menge Büroarbeit, Organisation, Booking, Verbreitung der Werke, Verwertung der Urheberrechte etc. etc.

Wenn man seine eigene Musik machen möchte, muss man sich auch selbst um diese Dinge kümmern, ansonsten macht man irgendwann nur „musikalische Dienstleistung“ mit anderer Musik, oder man unterrichtet.

Außer ein bis zwei Workshops im Jahr gebe ich keinen Unterricht. Ich liebe diese Workshops, weil man sich dann ein paar Tage auf das Weitergeben von Wissen und Erfahrung konzentrieren kann, den Rest des Jahres brauche ich aber zu 100 % für meinen Beruf als Musiker und Komponist.

 

JP: Was halten Sie von Jazzfestivals wie die Jazz Open, wo immer weniger Jazz gespielt wird?

 

WL: So lange prominente Stars aus anderen Bereichen helfen, auch für die Jazzer ein größeres Publikum zu generieren, ist es hilfreich – darf aber natürlich nicht dazu führen, dass das Gewicht zu sehr vom Jazz weg verschoben wird.

 Ein größeres Problem sehe ich innerhalb des Jazz durch die Monopolisierung. Wenige große Plattenfirmen und Agenturen verdrängen die Einzelkämpfer und bestreiten oft fast das ganze Festival mit ihren eigenen Künstlern.

 

 

JP: Sind Ihrer Meinung nach die Jazzmusiker gut abgesichert im Alter?

 

WL: Es wird besser. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Jazzunion setze ich mich für derzeit über 1.200 Mitglieder auch dafür ein.Wir haben in den letzten Jahren eine Menge auf politischer Ebene erreicht, um den Jazz und die ausübenden Musiker*innen gut zu positionieren.

 Es gibt inzwischen zahlreiche Fördermittel, nachhaltige Programme, und vor allem ist der Respekt für diese Branche deutlich gewachsen.

Das Bewusstsein, dass wir als Teil der Kreativwirtschaft einen wichtigen Beitrag, auch zum demokratischen Leben, leisten, verbreitet sich langsam, aber sicher.

 

 

JP: Wie wird sich die Jazzszene nach der Corona-Krise Ihrer Meinung nach verändern? 

 

WL: Momentan leiden natürlich alle unter Gagenausfällen. Das beeinflusst nachhaltig auch die Tonträgerverkäufe und für die Komponist*innen auch die GEMA-Einnahmen. Außerdem ist zu befürchten, dass nach der Krise einige Veranstalter nicht mehr weitermachen können. Nachholtermine gibt es quasi nicht, da die Programme meist langfristig gebucht werden.

 

JP: Können Sie mir verraten, welche Projekte bei Ihnen in nächster Zeit anstehen?

 

WL: Weitermachen, nun auch mal unveröffentlichte Schätze aus dem Archiv herausbringen. 

Möglichst bald wieder live auftreten, das brauche ich auch, um fit und inspiriert zu bleiben.

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