Irmgard-Haub-Trio-CD Mensch, Lili!

Irmgard-Haub-Trio-CD Mensch, Lili!

Wir sind jetzt in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts, vor gut 100 Jahren war das in Deutschland der Beginn des Aufbruchs in eine neue Zeit. Es gab die ersten elektronischen Haushaltsgeräte, Autos für die gehobene Mittelschicht, Radio und Schallplatten. Gleichzeitig war es aber eine Zeit der Unruhe und der Gegensätze.

 

Elisabeth „Lili“ Grün lebte zu dieser Zeit in Berlin. Sie war eine moderne, junge, emanzipierte Frau, die in den 20er Jahren als Schriftstellerin in Berlin lebte. Sie beschrieb anschaulich in verschiedenen Zeitungsartikeln das aufbrausende Berliner Leben, mit allen seinen Tücken und Abenteuern. Im Jahr 1904 wurde sie in Wien geboren und verstarb leider schon im Jahr 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez.

 

Das Irmgard-Haub-Trio hat ihr ein ganzes Album gewidmet. Mehr Details zum Irmgard-Haub-Trio erfahrt ihr hier:

 

https://www.irmgard-haub-trio.de/trio.

 

Ich hatte die Gelegenheit, mit dem Pianisten Johannes Reinig über „Lili“ Grün und das Album im Detail zu sprechen.

Jazzreporter: Wir befinden uns ganz am Anfang einer neuen Dekade, den 20er Jahren im 21. Jahrhundert, welche Gedanken hast du, wenn du die Jahreszahl 2020 siehst?

Johannes Reinig: Die 20er waren schon letztes Jahrhundert eine spezielle Zeit mit einer starken gesellschaftlichen Entwicklung, und es wäre fantastisch, wenn wir die positiven Entwicklungen dieses Jahrzehnt wiederholen könnten.

JP: Was ist das Besondere am Irmgard Haub-Trio?

JR: Wir sind zunächst drei Freunde, die über die Musik zusammengefunden und sich über die Musik hinaus miteinander verbunden haben. Unser gemeinschaftlicher Antrieb ist die Sehnsucht nach einem liebevollen und lebenswerten Leben, wobei wir unsere Energie vor allem aus Emotionen und impulsiven Momenten ziehen. Wir sind nicht strategisch, sondern folgen unserem Gefühl, weshalb es oft auch mal chaotisch werden kann, wir im kunterbunten Durcheinander mit viel zu wenig Zeit viel erreichen wollen und uns auch zu den unmöglichsten Zeiten Verschnaufpausen gönnen. Es liegt uns am Herzen, das, was uns gefällt, mit all denen zu teilen, die es in sich aufnehmen wollen. Und wir wollen unsere Unterschiede unter dieser gemeinsamen Haube ausleben, erleben und genießen.

JP: Wolltet ihr bewusst so klingen wie ein 20er-Jahre-Kaffeehaustrio?

JR: Jein. Die Idee dahinter war, dass die Musik auch an die Zeit erinnert, in der die Gedichte entstanden sind, und natürlich auch, dass Irmgard Haub und Johannes Reinig als Duo schon seit über 2 Jahrzehnten in etwa in dieser Zeit musikalisch unterwegs sind – da lag diese Musikrichtung nahe. Dass der kaffeehausartige Charakter der Musik durch das Cello noch verstärkt wird, ist zum einen der glücklichen Fügung zu verdanken, dass wir im richtigen Moment dieselbe leicht verrückte Idee hatten, zum anderen kommt der intime und emotionale Charakter, den das Cello der Musik verleiht, den Texten sehr entgegen. Und das Wichtigste: Wir lieben diese Musik einfach, die uns auch etwas in die Vergangenheit versetzt und sinnieren und schwelgen lässt.

JP: Die Texte kommen von Elisabeth „Lili“ Grün, die heute relativ unbekannt ist. Könntest du sie uns kurz vorstellen?

JR: Elisabeth “Lili” Grün (1904-1942) wurde als eine von vier Geschwistern nahe Wien als Tochter eines Schnurrbartbinden-Fabrikanten geboren. Wahrscheinlich auch durch den frühen Verlust ihrer Mutter musste ihr Traum von einer Karriere als Schriftstellerin und Schauspielerin zunächst einer von ihr nicht gerade geliebten Ausbildung zur Kontoristin weichen. Ende der 20er Jahre verschlug es sie in die Kulturmetropole Berlin, wo sie in der Kabarettszene aktiv war und auch in Zeitungen Geschichten und Gedichte veröffentlichte. 1933 erschien ihr Debüt-Roman “Herz über Bord” (Neuauflage des AvivA-Verlags unter dem Titel “Alles ist Jazz”), der recht erfolgreich war und auch ins Italienische übersetzt wurde. Die folgenden Jahre kämpfte Lili mit chronischem Geldmangel, einer Lungenerkrankung und dem zunehmend düsteren politischen Klima in Deutschland. Ab 1938 war es für sie nicht mehr möglich zu publizieren, eine Auswanderung scheiterte an Geld und Gesundheit. Sie wurde mehrfach zwangsdelogiert und schließlich 1942 nach Maly Trostinez deportiert und dort noch am Tag ihrer Ankunft ermordet.

Ihre Texte drehen sich fast alle um die wirklich wichtigen Themen der 20er Jahre: Männergeschichten und der Spagat zwischen Emanzipation und der Sehnsucht nach einer starken Schulter. Oft selbstironisch und immer selbstbewusst beschreibt sie die Gedanken einer jungen Frau der damaligen Zeit, und gerne lässt sie ihre Abneigung gegen ihren erlernten Bürojob an dem Symbol der Schreibmaschine aufblitzen. Mit Witz und Charme beschreibt sie Beziehungsgeschichten und ist immer auf Distanz zu dem Konzept der Ehe, das nicht zu ihrem eigenen Lebenskonzept passt.

JP: Wie ist dieses Projekt konkret zu Stande gekommen?

JR: Vor ein paar Jahren sind wir (Irmgard Haub und Johannes Reinig) bei einem gemeinschaftlichen Projekt mit dem Deutschen Kabarettarchiv auf Lili Grün aufmerksam geworden. Bei diesem Event wurde die Neuauflage des Romans “Herz über Bord” unter dem Titel “Alles ist Jazz” vom AvivA-Verlag vorgestellt, und die Auszüge machten uns neugierig und pflanzten den Gedanken, die Gedichte zu vertonen. Danach passierte erst mal – nichts. Knappe zwei Jahre mahnten uns die Gedichte dazu, das Projekt endlich mal anzugehen, bis wir endlich ein erstes Gedicht vertonten – “Ich habe einen Freund”, der erste Song auf dem Album. Das war kurz nach Weihnachten 2018. Da uns das ganz gut gelang, planten wir für September ein Konzert mit Lili-Grün-Gedichten, und bis Mitte März blieb es auch bei diesem einen Song, bis dann unverhofft Schwung in die Sache kam: Marcellus vom Tonstudio Team17Audio fragte, ob wir jemanden kennen würden, der Aufnahmen mit Klavier machen möchte, weil er für ein paar Wochen einen Flügel im Tonstudio stehen hat. Wir hatten schon oft die Idee verworfen, eine CD zu produzieren, da wir nicht die nächste Auflage längst bekannter Chansons erstellen wollten – aber mit Vertonungen dieser Gedichte würden wir etwas kreieren, was neu wäre. Also entschieden wir spontan, dass wir sechs Wochen später eine komplette CD mit vertonten Gedichten aufnehmen würden, auch wenn erst eins komponiert war.

Kurz darauf erwähnten wir diese Idee gegenüber unserer gemeinsamen Freundin Constanze Steingass, und sie meinte nur: “Och, mit Cello klingt das bestimmt auch sehr schön” – damit waren wir ein Trio, wohl wissend, dass wir nun auch noch Cellostimmen für die Aufnahmen bräuchten.

Die fehlenden Stücke entstanden dann ziemlich flott, sodass wir zwei Monate später 15 Gedichte vertont und aufgenommen hatten. Und da haben wir dann auch endlich realisiert, dass aus der Idee ein eigenes Projekt geworden ist.

JP: War es schwierig, ihre Texte mit der Musik zu vertonen?

 

JR: Lili Grün hat bestimmt nicht gedacht, dass ihre Gedichte vertont würden, zumindest hat sie keinen gesonderten Wert auf Reim und Metrum gelegt. Einige Gedichte folgen einem Schema, das sich für einen Song anbietet – so fiel uns die Vertonung des ersten Gedichts “Ich habe einen Freund” relativ leicht. Andere Gedichte hatten da deutlich mehr Überraschungen parat, wie z.B. durchgehend kürzer werdende Zeilen, zu viele oder zu wenige Sätze oder besondere Zeilen mit einer Ansammlung zusätzlicher Adjektive, die die Länge gegenüber den Nachbarzeilen verdoppeln. Unser Ziel war, die Texte in den Vordergrund zu stellen, dass also die Melodie der Bedeutung folgt und die Betonungen musikalisch unterstützt werden.

Teilweise war es unvorhersehbar, wie viel Zeit die Vertonung eines Gedichts benötigt – es gab Abende, da war nach zwei Stunden noch nicht einmal die Grundidee vorhanden, während beim nächsten Versuch am folgenden Tag eine zündende Idee dazu führte, dass Melodie und Harmonik nach nur einer Stunde standen. Hilfreich für uns war auch, dass wir unterschiedlich an die Vertonung herangehen – Irmgard Haub geht eher von dem Melodieverlauf aus, Johannes Reinig baut zuerst das harmonische und rhythmische Grundgerüst, und Constanze Steingass lässt die musikalische Stimmung führen. So konnten wir parallel an den Gedichten arbeiten, indem sich jeder die Gedichte vornahm, die sich individuell am ehesten anboten. Letztendlich war unsere größte Hürde aber, die eigenen Stückentwürfe den anderen beiden vorzustellen, und es war eine große Erleichterung, dass uns alle entstandenen Stücke gefallen und sie den Weg in das Programm gefunden haben. Und mittlerweile können wir auch nicht mehr genau sagen, wer was zu dem Programm beigetragen hat, denn den Weg vom ersten Entwurf zum finalen Song haben wir gemeinsam gestaltet.

JP: Die Texte waren damals sicherlich Avantgarde, denn Deutschland zu der Zeit kam gerade aus der Kaiserzeit. Glaubst du, dass ihre Themen heute noch relevant sind?

JR: Die Texte beschäftigen sich mit Beziehungen, mit dem Spagat zwischen Selbstbestimmung und dem Partner, der einen auffängt, mit der Suche nach dem passenden Partner für das eigene Lebenskonzept. Diese Themen sind heute wahrscheinlich sogar aktueller als zu Zeiten Lili Grüns, waren es doch damals die Gedanken einer progressiven und weltoffenen jungen Frau, die in Künstlerkreisen verkehrte und so auch oft mit Gedanken und Ideen in Kontakt kam, die nicht in den bürgerlichen Durchschnittsrahmen passten. In der heutigen Zeit sind die gesellschaftlichen Vorgaben deutlich geringer, der Weg für die Lebensgestaltung offener und variantenreicher, und die Verantwortung für das eigene Lebenskonzept bei der einzelnen Person. Ihre Themen sprechen damit heute deutlich mehr Menschen aus der Seele als in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.

JP: Jazz war zu der Zeit noch ein sehr neues Wort. Warum ist die Musik der 20er Jahre heute für euch immer noch relevant?

JR: Die Musik der 20er Jahre vereint gut unterschiedliche Aspekte der Unterhaltungsmusik, ohne den durchschnittlichen Hörer zu überfordern: eingängige Rhythmik, eine variantenreiche Harmonik mit einer guten Balance zwischen Dissonanzen und Auflösungen, nachvollziehbare Melodieführung und Ansprechen verschiedener Emotionen. Die 20er zeigen den Weg in den unchoreographierten Musikgenuss, die Musik verbindet damit die Einflüsse unterschiedlicher Kulturen und Kontinente und legt damit die Basis für die heutige U-Musik.

JP: Glaubst du, dass diese Zeit heute relativ vergessen ist?

JR: Geschichtlich werden die 20er Jahre wenig beachtet, es ist nun mal die Dekade zwischen zwei entsetzlichen Weltkriegen. Das musikalische Vermächtnis der Zeit ist jedoch fest in der Geschichte der U-Musik verankert und wird es wohl auch bleiben – der Stil mancher heutiger Kabarettisten lehnt sich an die Musik von damals an, es entstehen immer wieder Retrobewegungen wie z.B. die Elektroswingwelle, die sich auch an der Musik der Zeit bedienen. So wird es wohl sein wie mit allem Vergangenen: Das Meiste wird vergessen, aber das Bemerkenswerteste wird erhalten.

JP: Wann kommt ihr mit der Musik nach Stuttgart?

JR: Es steht noch kein Termin fest, aber wir gehen fest davon aus, dass es uns noch 2020 in Stuttgart zu hören gibt.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    L. (Freitag, 15 Mai 2020 19:57)

    Ganz toller Text. Vielen Dank!